Home

Buch-Shop  

Ausstellungen

Genetik

Archiv

Literatur

   Links

Impressum

Facebook

 

 

Book-Shop

Shows

Genetics

Archive

Literature

 

 

 

 

 

Neue alte Rassen: Nostalgie um alte Carrier- und Indianertypen

Nachdem Altpolnische, Altungarische und Altitalienische Brieftauben aktuell als neue Ausstellungstauben propagiert werden, müsste es eigentlich auch eine Altdeutsche Brieftaube geben. Muster dafür existieren schon. So in der Geflügel-Börse 4/1971 (Abb. 1). Kräftig mit starker Bewarzung oberhalb und unterhalb des Schnabels wie die genannten Tauben. Vorsicht Satire, mag manch einer nicht zu Unrecht denken, denn es ist der alte Typ des heutigen deutschen Indianers. Er hatte stärkere Bewarzung, einen kürzeren Schnabel und runderen Kopf als heute (Abb. 2). Er bildete mit dem Dragoon und dem Carrier das ‚Dreigestirn‘ der Warzentauben, das alle Geschmäcker abdecken sollte, der Indianer als Kurzschnäbler, der Dragoon als Mittelschnäbler und der Carrier als Langschnäbler (Abb. 1).

 

Abb. 1: Indianer in der Geflügel-Börse Nr. 4/1971 und Carrier in Nr. 1/1975.

Für die Standardänderung sprach damals, dass viele die urigen Indianer auf den Schauen mit Interesse betrachteten, dass aber kaum jemand sie noch züchtete. Daneben gab es Tierschutzgründe.

 

Abb. 2: Indianer blau, Sieger Nationale Hamburg 1953 (Taubenwelt 1954) und Indianer aus dem Jahr 2006 (Quelle: Sell, Taubenrassen. Entstehung, Herkunft, Verwandtschaften. Faszination Tauben durch die Jahrhunderte, Achim 2009).

 

Abb. 3: Indianer schwarz und Kopfstudie eines ausgereiften Carriers im Sammelband von Lavalle und Lietze, Die Taubenrassen, Berlin 1905.

Dennoch scheinen heute einige Züchter den alten Typen, die in anderen Ländern noch ein Nischendasein führen, nachzutrauern. In den Benennungen der neuen ‚alten‘ Tauben als Altpolnische und Altitalienische Brieftauben steckt die Behauptung, dass es in den Regionen früher Tauben mit dieser ausgeprägten Bewarzung als Brieftauben gab. Nachgewiesen wurde das bisher nicht und die Literatur gibt das auch nicht her. Einen Überblick z.B. über die Taubenrassen in Galizien gibt Prof. Jos. v. Rozwadowski=Krakau Columbia 1880. Er führt dort die ‘Polnische Taube‘ an, keine weitere spezifische polnische Botentaube. Die Polnische Taube steht der Türkischen Taube nahe und wurde in Frankreich ‚Pigeon polonais‘ genannt, weil sie auch nach Rozwadowski aus Polen, das im Mittelalter in dauerhafter Verbindung mit der Türkei gestanden hat, nach Frankreich kam. In Deutschland wurde sie auch Indianische Taube genannt (Korthsche Taubenzeitung Nr. 30/1856). Von einer extrem starken Bewarzung ist keine Rede.

 

Abb. 4: Polnischer Indianer (Polnische Warzentaube) in einem Beitrag von Joachim Schütte in der Geflügel-Börse Nr. 9/1967 und Ostrowietzer Warzentaube.

Das gilt auch für die heutige Polnischen Warzentaube und die Ostrowietzer Warzentauben (Abb. 4), zwei polnische Rassen in der Nachfolge der ‚Polnischen Indianer‘ im deutschen Rassetaubenstandard. Die neuen ‚alten‘ Rassen knüpfen dann auch an frühere nicht so hoch stehenden Ausstellungscarrier - wie das im Naturhistorischen Museum Braunschweig als Balg erhaltenem Beispiel (Abb. 5 Mitte) - und Indianer an, und nicht an Brieftauben. Sie laufen unter einem falschen Etikett.

Abb. 5: Türkische Taube rot und alter Typ des Ausstellungscarriers, als Balg erhalten im Naturhistorischen Museum Braunschweig, neben einem Berner Halbschnäbler (Quelle: Sell, Taubenrassen. Entstehung, Herkunft, Verwandtschaften. Faszination Tauben durch die Jahrhundert, Achim 2009).

Auch der historisch interessante Balg der inzwischen ausgestorbenen Türkischen Taube (Abb. 5 links), die vor der Entstehung der Belgischen Reisetaube vor allem im Türkischen Reich als historische Botentaube gedient haben soll, weist keine extreme Bewarzung auf.

Literatur:

Lavalle, A., und M. Lietze (Hrsg.), Die Taubenrassen, Berlin 1905.

o.V., Taubenzucht, Tauben-Zeitung und Organ der gesammten Haus=und Federviehzucht, No. 30, Berlin, den 25. October 1856, S. 233- 235.

Rozwadowski=Krakau, Prof. Dr. Jos. von, Die Federviehzucht in Galizien (mit besonderer Berücksichtigung der Taubenliebhaberei), Columbia no. 10/1880, S. 137-141.

Sell, A., Taubenrassen. Entstehung, Herkunft, Verwandtschaften. Faszination Tauben durch die Jahrhundert, Achim 2009.

Sell, A., Brieftauben und ihre Verwandten, Achim 2014.

Schütte, Joachim, Die Taubenrassen Polens, Geflügel-Börse Nr. 9/1967.