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Epistatische Effekte als
Störgrösse: Zur Entschlüsselung der Genetik der Gimpeltaube
Beim zufälligen Erscheinen einer
seltenen Färbung wird schnell die Frage gestellt, dominant oder
rezessiv? Nicht zu beantworten. Färbungen sind das Ergebnis der
Kombination von Erbfaktoren. Nur diese können dominant oder rezessiv
gegenüber dem Wild-Typ (die blaubindige Felsentaube) sein. Seltene
Färbungen sind meist eingebunden in andere Farbkombinationen. Z.B.
verbunden mit Bronzetönen, Scheckungen u.a. Für eine Antwort aus
genetischer Sicht ist der Faktor erst zu isolieren und dann zu
testen.
Die Sichtweise des Züchters
unterscheidet sich allerdings von der des Genetikers. Züchter
möchten wissen, ob sich bei Paarungen mit anderen Färbungen schon in
der ersten Kreuzung interessante Farbeffekte ergeben. Und wenn, dann
bezeichnen sie die Vererbung als dominant, wenn nicht, dann als
rezessiv.
Das hat in der Anfangsphase der
Entschlüsselung der Farbvererbung bei Tauben nach 1900 zu
Irritationen auch in wissenschaftlichen Studien geführt. Damals
wusste man bei Tauben wenig über epistatische Effekte: Einige
Faktoren sind notwendig damit sich andere auswirken, einige
blockieren andere.
Metzelaar hatte 1926/1928
Gimpeltauben-Bronze in die Reihe dominanter ‚Kite-Faktoren‘
gestellt, die einzelne Federfluren berühren, bei Gimpeln das
Körpergrundgefieder. Bei Kreuzungen von Gimpel-Schwarzflügeln mit
einfarbigen Schwarzen kam Horlacher 1930 zum Ergebnis eines
rezessiven Erbganges. Bestätigt 1931 durch Bjaanes nach Kreuzungen
mit einfarbig Roten und Schwarzen. Beide wussten zu dem Zeitpunkt
nicht, dass der Farbausbreitungsfaktor ‚Spread‘ schwarzer Tauben das
Bronze der Gimpeltauben blockiert (überdeckt). Das gilt auch für
Rezessiv Rot in Reinerbigkeit. Gut gefärbte Rezessiv Rote haben
meist die schwarze Grundfarbe und zusätzlich Spread. Das gilt auch
für Rezessiv Gelbe. Damit kann eine zweifache Blockierung von Bronze
stattfinden. Einmal durch Reinerbigkeit für Rezessiv Rot, zum
anderen durch den Spread-Faktor. Es hat lange gedauert, bis die
falsche Einschätzung in der Literatur revidiert wurde.
Bei Kreuzungen von
Kupfer-Schwarzflügeln mit Blaugehämmerten und Blaubindigen zeigt
sich, dass die schwarzen Flügel der Kupfer- und der
Gold-Schwarzflügel nicht auf Spread zurückzuführen sind. Spread ist
dominant und setzt sich in der ersten Kreuzung durch. Reinerbig
Schwarz x Blau bzw. Blaugehämmert ergibt schwarze Jungtiere.
Schwarzflügel x Blaubindig bzw. Blaugehämmert bringt Blaue und
Blaugehämmerte mit mehr oder weniger Bronze an der Brust und im
sonstigen Körpergrundgefieder. Die für die schwarzen Flügeldecken
verantwortlichen Dunkelfaktoren setzen sich bei Rückpaarungen wieder
durch. In der Folgegeneration (F2) wird sich bei einigen Jungtieren
Bronze auf Kopf und das Bauchgefieder erstrecken. Bei Rückpaarungen
an Gimpel können Laien einige Kreuzungstiere nicht von Gimpeltauben
unterscheiden.
Eine ähnliche Kreuzung wie bei Bjaanes
wurde mit einem Goldgimpel-Schwarzflügel und einer rezessiv-gelben
Mährischen Strassertäubin bei Heinrich Schröder vor Jahren
nachvollzogen. Von der Strassertäubin stammt Spread, was zum
pale-schwarzen Jungtier geführt hat. Etwas Gold schimmert an der
Brust durch. Der Goldgimpel-Schwarzflügel war mischerbig für
Rezessiv Rot, daher das goldene Jungweibchen im Anhang.
Literatur:
Bjaanes, M., A new
dilution factor in pigeons by W. Christie † and C. Wriedt †,
Hereditas, Vol. 15 (1931), pp. 89-96.
Horlacher, W.R.,
Studies on Inheritance of Pigeons. VII. Inheritance of red and black
color pattern in pigeons. Genetics 15 (1930), pp. 312 ff.
Metzelaar, Jan,
Further Experiments in Inheritance of Color in Domestic Pigeons,
Occasional Papers of the Museum of Zoology, University of Michigan.
Number 194, April 4, 1928, pp. 1-29
Sell, Axel,
Genetik der Taubenfärbungen, Achim 2015
Sell, Axel, Pigeon
Genetics. Applied Genetics in the Domestic Pigeon, Achim 2012
Sell, Axel und
Jana Sell, Genetik der Haustaube, Achim 2025

Quelle: Sell, Axel und Jana Sell,
Genetik der Haustaube, Achim 2025

Quelle: Sell, Axel, Pigeon Genetics.
Applied Genetics in the Domestic Pigeon, Achim 2012. Fotos aus der
eigenen Zucht.

Kreuzung eines Gold-Schwarzflügel mit
einer gelben Mährischen Strassertäubin. Zweite von links ein
pale-schwarzes Kreuzungstier mit leichtem Goldton auf der Brust

Reinerbig Rezessiv Gold (Rezessiv Rot
plus Pale) aus einem Paar Gold-Schwarzflügel und ein Jungweibchen
gold aus der Verpaarung Gold-Schwarzflügel x Mährische
Strassertäubin bei Heinrich Schröder
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