| Was
verbirgt sich unter Dominant Weißen Tauben?
Vor etwa genau 100
Jahren beschrieb Joseph R. Walker ‚Dominant Weiß‘ bei Tauben als
einen Faktor, der in reinerbigem Zustand eine weiße oder fast weiße
Taube hervorbringt. Bei Mischerbigkeit eine weitgehend weiße Taube,
die aber immer einen merklichen Anteil von Farbe hätte (Walker 1925,
603). Im Unterschied zu rezessiv weißen Tauben hätten sie kein
dunkles Auge. Dominant Weiße mit dunklen Augen wären genauso selten
wie dunkeläugige Farbige (S. 594). Seine getesteten Tiere hatten im
Jugendgefieder gewöhnlich etwas Farbe, die bei reinerbigen Tieren
ganz und bei mischerbigen teils in Weiß ausmauserten. Das
unterschiedliche Ausmaß der weißen Färbung in der ersten Kreuzung
und in der Weiterzucht kann nicht nur an den Genen der
unterschiedlichen Kreuzungspartner liegen, sondern liegt auch an den
unter dem dominanten Weiß epistatisch vorhandenen Erbfaktoren. Und
die können von Individuum zu Individuum unterschiedlich sein, wie
nachfolgende Beispiele zeigen.
Weiße
Pommerschen Schaukappen in einem Zuchtprojekt
Beiläufig
aufgezeigt wurde die epistatische Wirkung bei dominant weißen Tauben
schon vor Jahrzehnten (Sell 1980, 2012). Es ging um die Neuzüchtung
andersfarbiger Schaukappen aus Dominant Weißen durch Einpaarung
blauer Dänischer Tümmler und Danziger Hochflieger. Alle mit dem
Smoky-Faktor als Voraussetzung für die hell gewünschte
Schnabelfarbe.
Abb. 1: Dominant Weiß in einem Zuchtprojekt

Quelle: A. Sell, Pigeon Genetics, Achim 2012
Der dominante
Weißfaktor bestätigte sich bei der Ausgangspaarung eines dominant
weißen Täubers mit der blauen Danziger Täubin. Gezogen wurde eine
fast völlig weiße Täubin und ein weißer Täuber mit roter Rieselung
im Halsbereich (Abb. 1). Damit ist die Aussage hinfällig, weiße
perl- und orangeäugige Tauben wären alle reinerbige dominant rot und
hätten dazu reinerbig den Schimmelfaktor. Auch ohne Reinerbigkeit
für den Schimmelfaktor können sie weiß sein. Auch die Mischerbigkeit
für schwarze Grundfarbe beim Jungtäuber schließt die Weißfärbung
nicht aus.
Die weiße Täubin
zeigte bei der nachfolgenden Paarung mit dem blauen Dänischen
Tümmler durch einen rotfahlen Sohn, dass sie von ihrem Vater die
dominant rote Grundfarbe geerbt hatte (zweite Bildleiste in Abb. 1).
In dem schwarzen Jungweibchen zeigt sie auch, dass sie den
Farbausbreitungsfaktor Spread hatte. Auch dieser muss vom Vater
stammen. Das gilt auch für den Schimmelfaktor, den eines ihrer
Jungtiere zeigt. Die Zusammenführung der Linie des weißen
Ausgangstäubers im 3. Zuchtjahr durch Paarung des weißen Täubers mit
Rieselung mit einer einfarbig schwarzen Nichte aus dem 2. Zuchtjahr
zeigte im gehämmerten Täuber und in den weißen Scheckfedern bei der
blauen Jungtäubin zwei weitere Erbfaktoren (dritte Bildleiste in
Abb. 1), die vom weißen Ausgangstäuber stammen mussten. Beim
Ausgangstäuber waren sie durch das dominante Weiß verdeckt. Erst
Jahre später taucht unvermutet aus diesen Ausgangstieren der
Farbenschlag Platin auf, ein Farbenschlag, der im Zusammenwirken
eines rezessiven Faktors mit dem Farbausbreitungsfaktor eine
platingraue Färbung erzeugt.
Dominant Weiß
bei Kreuzungen mit Stralsunder Hochfliegern
Die Verpaarung
einer weißen Flugstralsunders mit einer blaugehämmerten Brieftaube
ergab im eigenen Schlag ein fast weißes Jungtier und ein
schwarz-getigertes (Abb. 2). Das zeigt, dass völlig weiße Tauben,
wie der Täuber, zumindest mischerbig für schwarze Grundfarbe sein
können, und dass der Täuber den Farbausbreitungsfaktor hatte. Auch
aus rein weißen Paaren fallen gelegentlich maser- und pencilähnliche
Jungtiere, die auch die schwarze Grundfarbe, zumindest bei einem der
Eltern, nachweisen (Abb. 2 rechts). Walker hatte dunkle Augen bei
Dominant Weißen erwähnt (S. 594). Auch das rezessive Weiß mit
dunklen Augen scheint epistatisch unter Dominant Weiß verborgen zu
sein, denn diese Erscheinung ist auch im eigenen Stamm der
Flugstralsunder aufgetreten. So wie auch der Verdünnungsfaktor bei
verdünntfarbenen (kurzbedunten) Dominant Weißen.
Abb. 2: Flugstralsunder: Geschwister aus der
Verpaarung mit blaugehämmerter Brieftaube (Mitte) und
pencilähnliches Jungtier aus rein weißen Eltern (Foto rechts)
.
Quelle: A. Sell, Critical Issues in
Pigeon Breeding, Part V, Achim 2021
Kreuzungen von
Ausstellungsstralsundern mit roten Stargarder Hochfliegern bei Alwin
Nüske ergaben bei der Paarung eines rezessiv roten
Stargarder-Täubers x weißer Stralsunder-Täubin schwarz-maserähnliche
Jungtiere, wobei die schwarze Färbung auf die genetisch schwarze
Grundfarbe der roten Stargarder zurückzuführen sein wird (Abb. 3).
Die umgekehrte Paarung eines dominant weißen Stralsunders mit einer
roten Stargarder Täubin zeigte in den Schwingen die schon von Walker
beschriebene Ausmauserung des anfänglich rötlich eingefärbten
Gefieders zu rein Weiß (Abb. 4).
Abb. 3: Jungtier
aus rotem Stargarder Hochflieger-Täuber x Ausstellungsstralsunder
dominant weiß und Abb. 4: Jungtier aus
Ausstellungsstralsunder-Täuber x roter Stargarder Hochflieger-Täubin
mit Ausmauserung der Schwingen zu Weiß
 
Zucht: Alwin Nüske
Einige
Erkenntnisse
Dominant Weiße als
Farbenschlag können unterschiedliche Genkombinationen besitzen.
Nicht alle dieser Gene sind für die Färbung erforderlich. Im
Ausstellungswesen scheinen die meisten Dominant Weißen eine dominant
rote Grundfarbe zu haben. Die hier gezeigten, an der Färbung der
Nachkommen zu erkennen, auch den Spread-Faktor. Ersteres wird damit
zusammenhängen, dass bei roter Grundfarbe die Gefahr unerwünschter
dunkel angelaufener Schnäbel geringer als bei schwarzer Grundfarbe
ist. Über die Bedeutung des Ausbreitungsfaktors Spread kann man
spekulieren, in der praktischen Zucht wird eine entsprechende
Auslese erfolgen.
Literatur:
A. Sell, Pigeon
Genetics, Achim 2012
A. Sell, Vererbung
bei Tauben, Traventhal 1980
J.R. Walker,
Inheritance of white Plumage in Pigeons, Genetics 10 (1925), pp.
593-604.
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