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Zur Geschichte der antiken Botentaube:  Bilder sagen mehr als Worte

Naturgetreue Bilder aus alter Zeit erzählen oft nicht nur mehr als 1000 Worte. Sie widerlegen manchmal auch das, was andere später über diese Zeit berichten. Oft sind es Phantasien und Wissenslücken, die durch Spekulationen gefüllt wurden. Einige Phantasien bestimmen noch heute die gängigen Vorstellungen. Das trifft, trotz zwischenzeitlicher Richtigstellungen kritischer Autoren, auch auf die Geschichtsschreibung der antiken Botentaube zu.

Die bei Willughby 1678 beschriebene Botentaube (Carrier) des Türkischen Reiches war in London u.a. in den königlichen Flugvolieren zu sehen (S. 181). Dahin gekommen ist sie wahrscheinlich aus Scanderoon in Kleinasien. Die Royal Navy besuchte den Hafen im Abstand einiger Jahre, weil es eine Niederlassung Englischer Kaufleute in Aleppo gab. Etwa 100 km im Inland. Die Kaufleute ließen sich regelmäßig durch Botentauben über die Ankunft von Schiffen informieren (Henry Teonge in seinem Tagebuch von 1675-1679).

Quelle: Willughby 1678

Der Carrier hatte nach der Beschreibung bei Willughby die Größe einer normalen Taube, oder etwas geringer; die Färbung ist dunkel blau oder schwärzlich, das Auge umgeben von einer nackten, knolligen weißen flockigen Haut. Der Schnabel schwarz, nicht kurz, sondern von moderater Länge. Auf halbem Wege zum Kopf eine doppelte Ablagerung (Warze) der gleichen Art wie des Augenringes. Die Ablagerungen auf der Abbildung, wie beim danebenstehenden kappigen Indianer (Barbary Pigeon). Sichtbar, aber bei weitem geringer als beim 1735 von Moore beschriebenen und 1765 in der Treatise abgebildeten Carrier.

Der Bibliograph Werner K.G. Moebes (1899-1983) hatte sich sein Leben lang an der Frage der Beziehungen zwischen Englischem Carrier, Dragoon und Horseman abgearbeitet. Rassen, die Moore als Autor der ersten Monographie über Haustauben in den Zusammenhang mit den Botentauben in seiner Schrift von 1735 stellt. Die Bemühungen von Moebes ergebnislos auch deshalb, weil Moore die Angaben bei Willughby eigenwillig interpretiert und falsche Spuren legt.

Er dichtete der in seinem Bekanntenkreis inzwischen auf Größe, Schnabellänge und extreme Bewarzung gezüchteten Taube die Legende der antiken Botentaube an.

‚Horseman‘ war bei Willughby ein Synonym für ‚Carrier‘, denn der ‚Light Horseman‘ (eine Anspielung auf die Leichte Kavallerie) wird als Kreuzung von Carrier und Kröpfer beschrieben. Bei Moore wird der Horseman dagegen als in allen Merkmalen des Carriers abgeschwächte Form des Carriers dargestellt. Der wahre (true) Carrier sei zu seiner Zeit nur zu wertvoll, um ihn auf Reise zu schicken (S. 32). Daher die Nutzung des Horseman in England als Botentaube. Zu seiner Zeit sei es fraglich, ob dieser eine eigenständige Rasse sei, obwohl er von Importen solcher Tauben aus Scanderoon und deren Leistungsfähigkeit wusste. Er verbietet sich selber, weiter darüber nachzudenken. Es stünde ihm nicht zu, solche großen Fragen zu beantworten (Moore 1735, S. 31).

Auch frühe Gegenstimmen in der Literatur konnten den durch Moore begründeten Mythos des Englischen Ausstellungs-Carriers als antike Botentaube nicht erschüttern. Wenn Selby (1835), Tegetmeier (1868) und Fulton (1876) schon damals die jetzt durch Digitalisierung von Bibliotheksbeständen zugänglichen Bilder von Dragoon, Horseman und Carrier aus der Zeit kurz nach Moore zur Belegung ihrer Zweifel zur Verfügung gehabt hätten, wären sie vielleicht besser gehört worden. So bestimmen frühe Phantasien noch heute das Bewusstsein vieler Taubenliebhaber.

Nach den Abbildungen von Dragoon und Horseman durch Peter Paillou 1744/45 und dem Englischen Carrier von Ch. Collins 1741 sind erstere unterschiedliche Stämme der Arabischen Botentaube. Der Englische Carrier dagegen das Ergebnis einer Selektion auf Bewarzung und Kreuzung mit hochstehenden und langschnäbligen Bagdetten. Das hatte schon Brent (1871) vermutet. Darauf deutet auch eine Zeichnung der beigefügten Bilder von Peter Paillou aus dem Jahr 1745 hin. Im Original auf der Rückseite als Bagdad gekennzeichnet. Archiviert in der Sammlung ist es als ‚Horseman‘, weil Bagdette offenbar dem Verständnis des Archivators nicht entsprach.

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Quelle: Axel Sell/Jana Sell, Genetik der Haustaube, Achim 2025, p. 174

Literatur:

Anonymous, A Treatise on Domestic Pigeons, London MDCCLXV (1765), Reprint Chicheley, Bucking­hamshire 1972.

Brent, B.P., The Pigeon Book, 3. Aufl., London (1871)

Fulton, R., The Illustrated Book of Pigeons. London, Paris, New York and Melbourne 1876.

McGill Library Archival Collections, Taylor White Collection

Moebes, Werner K.G., Bibliographie der Tauben, Akademischer Verlag Halle 1945

Moore, J., Pigeon-House. Being an Introduction to Natural History of Tame Pigeons. Colum­barium: or the pigeon house, Printed for J. Wilford, London 1735.

Selby, P.J., The Naturalist’s Library, edited by Sir W. Jardine, Bart., Vol. XIX. Ornithology. Pi­geons, Edinburgh 1835

Sell, Axel, Jana Sell, Genetics of the Domestic Pigeon, dieselben ‚Genetik der Haustaube, Achim 2025

Tegetmeier, W.B., Pigeons: their structure, varieties, habits and management, London 1868.

Teonge, Henry; The Diary of Henry Teonge. Chaplain on Board H.M.‘s Ships Assistance, Bristol, and Royal Oak, 1675-1679, edited by Sir E. Denison Ross and Eileen Power in the Broadway Travellers. First publishe in this Series 1927

Willughby, F., Ornithologia, posthum zusammengestellt und herausgegeben von John Ray, London 1678[A1] 


 

 


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